Klaus Rudolf

FARBWUNDER UND FABELWESEN

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               Anmerkungen zur engrammatischen Malerei von KLAUS RUDOLF

Frau Dr. Brigitte Hammer 1995 – Kunstwissenschaftlerin Berlin-Charlottenburg Unterstützung des von Klaus Rudolf entwickelten Projektes BÜRO ART Teilnehmerin der Jury BÜRO ART u.a. mit Prof. Manfred Schneckenburger ( DOCUMENTA 6+8 ), Dr. Britta Schmitz Nationalgalerie, Dr. Peter Franken Kunstkritiker Kurator u.v.a. www.aktionskunst-klausrudolf.de
Der 1954 in Halle geborene Klaus Rudolf ist ein überaus vielseitiger malender und zeichnender, schreibender und Aktionen organisierender Künstler, für den es weder im Denken noch in den Medien, in denen er dieses ausdrückt, Grenzen gibt. Sein Formenrepertoire scheint unerschöpflich, seine Farbgestaltung von bedrängender Intensität, differenzierter Vielfalt und opulenter Delikatesse. Schon früh begann er, sich malerisch und zeichnerisch auszudrücken, aber erst nach Jahren der Berufstätigkeit wählte er den Weg in die Künstlerexistenz als Lebensform. Ein Kunstpädagogikstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin konnte jedoch den Suchenden ebenso wenig auf die Dauer fesseln, wie die Beschränkungen der geistigen Form, denen er während seines zweijährigen Studiums an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig begegnete.
Es gibt allerdings eine Beschränkung, die der Künstler freiwillig akzeptiert, – die des Formats; zwei Zyklen seiner neueren Arbeiten, 1993/94 entstanden (siehe Homepage – Aquarell), wählen die Größe der Postkarte, die er mit dem Pinsel beherrscht und bewältigt oder mit einem komplizierten Geflecht manchmal bis zum Hauch dünner Bleistiftlinien überzieht. Die Formenwahl ist für den Künstler nicht nur eine Angelegenheit praktischer Erwägungen, zum Beispiel, dass die Bilder eine für Reisen angenehm handhabbare Größe erhalten, sondern auch Ausdruck einer ART selbstauferlegter Disziplin, die die aus dem Erleben drängenden Bildkräfte Formen gewinnen lassen.
Der Künstler entwickelt seine Bildfindungen in einem tranceähnlichen Zustand, in dem die malerischen Entscheidungen in einer halbbewussten Steuerung getroffen werden. Es ist ein passives Annehmen bildnerischer Impulse, die in eine aktive Formschöpfung fließen. Wenn der wache Geist des Betrachters versucht, die Farbflächen in ihrer malerischen Qualität, ihrer Ausdehnung und Intensität wahrzunehmen und diesem Spiel und diesem Spiel der Formen einen Sinn zuzuordnen, so empfindet er Unbehagen, da die Bilder über der sichtbaren Ebene des Erzählens und Zeigens in eine emotionale und geistige Dimension führen, die sich dem sprachlichen oder begrifflichen Zugang verschließt und verweigert.
Die surrealistischen Bildwelten des Klaus Rudolf verbinden konstruktive und phantastische Elemente und lassen ihrer ambivalenten Präsenz eine Vielzahl von Interpretationen zu. Sie scheinen Geschichten zu erzählen von menschen - oder tierähnlichen Wesen, die miteinander ringen oder tanzen, sich im Reigen berühren und sich gegenseitig oder ineinander verschlingen oder voneinander wegstreben, vom Bildfeld umgeben und gehalten oder dynamisch gegen seine Ränder stoßen und aus ihm heraus zu gelangen trachten.
Das erzählerische Moment entwickelt sich, sobald der Betrachter sich für die Identifikation eines Bildelementes entscheidet, wählt er ein anderes, entsteht aus denselben sichtbaren Formen eine andere Geschichte. Da die Bilder oft eine diffuse Figur-Grund Beziehung aufweisen, in der sich kaum entscheiden lässt, was die Formen, die das Bild strukturieren, begrenzt, liegt schon in der Unentscheidbarkeit der Grundlage ein Schlüssel zum Zugang zu dieser künstlerischen Gestaltung. Der rational forschende Geist, der unablässig Formen zu erkennen und zu interpretieren versucht, muss an dieser Kunst scheitern.
Um dies an einem Beispiel zu erläutern, greifen wir eines der Blätter aus der elfteiligen Serie, die in langen stillen Nachtstunden, aber innerhalb weniger tage im Herbst 1993 entstanden sind, heraus. Die postkartengroße Bildfläche ist von einem leuchtenden Gelb überzogen, unter dem einige Bleistiftlinien sichtbar werden, die sich zu Formen fügen, ohne die Malfläche zu dominieren. Über das Gelb legt sich eine fließende grüne Spur, die diagonal von rechts unten in das Bild hineinströmt, um es an der linken Bildkante etwas oberhalb der Mitte wieder zu verlassen. So entsteht ein den Bildraum gestaltendes Motiv, das eine ART Laufsteg seien könnte.
Während der Laufsteg in der rechten unteren Bildecke flächig zu fließen beginnt, hat er sich, wenn er aus den Bild heraustritt, um die Hälfte verschmälert. Eine scharfe, dunkelgrüne Kante, die dem Weg in gleichmäßiger Breite folgt, gibt dem Laufsteg seine Festigkeit und Räumlichkeit. Eine wachsende, rechtswinklig nach links abgehende blaue Keilform scheint dem Laufsteg gegen den Bildrand abzustützen und ihm Halt zu geben. Das Bildfeld wird von zwei leuchtend roten Flächen beherrscht, die sich zu zwei Gestalten oder einer Figur ergänzen können.
Versteht man die Flächen als zwei Figuren, so wirken sie wie zwei in einem wilden Tanz verschlungene Körper, die jeweils auf einem Bein stehend, das andere fast waagerecht vom Körper ausgehend in die Luft werfen. Sie stützen sich gegenseitig, bewahren sich vor dem Umfallen in ihrem labilen Gleichgewicht und sucht den Absturz vom Laufsteg zu vermeiden. Denn nur das linke Bein der hinteren Figur findet Halt auf dem grünen Balken, die vordere Figur schreitet freischwebend und reckt ihren Fuß gegen die Mitte der unteren Bildkante.
Die vordere Figur mag ein Vogel sein, aber auch ein schlauer Fuchs scheint möglich, während die hintere eher an eine Kröte erinnert. Beide weisen ein auffallend rundes grünes Auge auf und so kann man aus den Formen auch die Frontalansicht eines Gesichtes entwickeln, dessen Mund durch ein tütenförmiges blaues Blasinstrument verdeckt wird. Liest man das Bild in der ersten Fassung, erhält die Räumlicher Disposition ( gelber Hintergrund, grüner Laufsteg ) eine „ logische Erklärung“ die einzelnen Formen und Teile berühren und überlagern sich und weisen sich gegenseitig ihre Bedeutung im Bildgefüge zu. Vogel-Fuchs und Kröte schmiegen sich zwar aneinander, doch ist ihre Beziehung spannungsgeladen und expansiv gegen die Begrenzung der Bildfläche strebend, der Halt durch den Laufsteg und seine zerbrechlich wirkende Stütze überaus fragil.
Geht man von der zweiten Lesart des Gesichtes aus, so sind die Formen wie in einem dichten Netz verwoben, das flächig und gleichmäßig strukturiert wirkt. Das Gesicht erscheint transparent und durchsichtig und lässt immer wieder den Blick auf den Hintergrund durchstoßen. Hier gibt es keine eindeutige Figur-Grund-Disposition, sondern Gesicht und Hintergrund sind dicht und sich gegenseitig durchdringend und verwoben. Bei dieser Betrachtungsweise gewinnen auch diejenigen Parteien der Bildfläche stärkeres Gewicht, in denen keine klare Farbigkeit ist; jene Partien, in denen ein helles Grün den gelben Untergrund überlagert und das Rot sich über das Gelb so verdünnt, das ein fleischfarbenes Orange entsteht.
Auch die Raumauffassung verändert sich je nach „Lesart“ des Bildes. Während beim „Tanz von Fuchs und Kröte“ der Laufsteg zur Räumlichkeit illusionierenden Form wird, die das Bild dominiert, induziert die „Geschichtsversion“ eine deutliche Flächigkeit von zwei sich durchdringenden und überlagernden Bildebenen, die in einer nichthierarchischen, ständig wechselnden Beziehung von Vorne und Hinten aufeinanderbezogen sind.
Unter der Malerei liegt die Bleistiftzeichnung von sich überschneidenden Linien, die mal dem Farbverlauf folgen oder ihm auch entgegenstehen und der Bildfläche zusätzliche Akzente verleihen, wobei sich die Wirkung verstärkt, wenn die Bleistiftlinie auch die Kante der Farbfläche bildet. Es entsteht eine explosive Schärfe und wo die Farbe über die Bleistiftstruktur hinweggeht, entwickelt sich eine unterschwellige Spannung und Irritation. Trotz des kleinen Formates entfalten die Bilder eine erstaunliche Dichte und Dynamik, die formatsprengend weit über dieses hinausgeht.
Die Formen längen sich in haarfeine Spitzen, die den Grund berühren, den Rand treffen oder sich vor dem Blattrand verhauchen, sie verschwinden in Tiefen und Abgründen am Rande der Sichtbarkeit. Sie schweben und erscheinen aus einem bestimmten Nichts, das sie verortet und Ihnen die Intensität und Präsenz verleiht, deren ihre Position im bildganzen bedarf. Aus dem Verhältnis von bestimmbaren, jedoch vieldeutigen und unbestimmten Formen wächst die Spannung, die die Bilder von Klaus Rudolf so aufregend und beunruhigend werden lassen.
Wir haben zu zeigen versucht, wie schwer die Bilder von Klaus Rudolf über das Medium der Sprache zu erschließen sind und das sie im Grunde einem rational-begrifflichen Zugang verweigern. In ihnen liegt eine grenzenlose Welt des Unbestimmbaren und Unbenennbaren, das in magischen Bildformen einen höheren Gleichgewichtzustand erstrebt. Die anatomischen oder anthropomorphen Fragmente bilden eine abstrakte Figuration, die zwar den denkenden und ordnen wollenden Geist verwirren muss, das Auge jedoch in eine meditative Leere führt, in der Raum, Zeit und Historie aufgehoben sind.

Berlin, im April 1995 Dr. Brigitte Hammer